Das große Bindlacher Bergdrama – Teil III

Hitze-Intermezzo

Und ob ich über die Hitze schimpfen darf! Warum denn nicht? Was sind das für Leute, die sagen: Es hat so lange gedauert, dass es warm wird, da solle man jetzt doch bitte schön froh sein und nicht meckern? Eben!, sage ich da. Es hat so lange gedauert! Ich musste bis Mitte Juni warten, um endlich über die Hitze schimpfen zu können, da lass ich mir das doch jetzt nicht von ein paar Lebensfreudediktatoren madig machen!

Und wer weiß überhaupt, wie lange es so bleibt! Vielleicht ist das die einzige Chance dieses Jahr über die Hitze zu schimpfen, und die soll ich mir entgehen lasssen? Ich bin doch nicht blöd.

Na gut, um der Wahrheit die Ehre zu geben: Doch, ich bin blöd – wegen der Hitze! Der Hirnschweiß verklebt mir die Synapsen. Das ist kein Wetter zum Denken. Für alle schönen und wichtigen Sachen ist es zu heiß. Man kann nicht denken, nicht arbeiten, nicht spazierengehen, nicht schlafen; Essen macht keinen Spaß, sich gemütlich in eine dicke Daunendecke einkuscheln und fernsehen auch nicht; man mag nicht tanzen, nicht joggen, nicht schreiben. Kein Wetter für nichts Schönes. Wer unbedingt will, kann sich in Freibädern der massenhaften Rückverwandlung der vermeintlichen Krone der Schöpfung in eine primitive amphibische Lebensform anschließen und dicht an dicht auf den Laichplätzen herumlungern, aber davon abgesehen ist das einzig Schöne, was man bei dieser Hitze machen kann, auf die Hitze zu schimpfen und das darf uns niemand verbieten!

Ich bezeichne mich ja gerne als Klima-Gourmet. Die kulinarische Entsprechung zu „Hauptsache schön heiß und die Sonne scheint!“ wäre doch wohl „Hauptsache schön fettig und mit möglichst viel Geschmacksverstärker, denn die brauche ich, weil ich selbst keinen Geschmack habe!“ Solche Leute hüpfen dann natürlich bei einem derartigen BigMäc-Wetter mit buntkarierten kurzen Hosen und irrem Lächeln durch die Gegend und erinnern überhaupt erschreckend an Ronald McDonald.

Nein, ich bin Wetter-Feinschmecker. Es gibt einige wunderbar abgestimmte Kompositionen aus Temperatur, Sonneneinstrahlung, Wolkenbildung, Niederschlag etc., die ich über alles liebe, doch sie sind rare Köstlichkeiten und kommen vor allem in den Jahreszeiten vor, die Genießern, Feingeistern und Kulturmenschen die liebsten sind: Frühling, Herbst und Winter.

Leider haben es Menschen wie ich nicht leicht, auf ihre Bedürfnisse wird wenig Rücksicht genommen. Seit Jahren war offenbar schon kein Geld für einen vernünftigen Frühling mehr da. Was an Temperatur zur Verfügung steht, wird nicht mehr sinnvoll über das Jahr verteilt, sondern in bratzelnde Sommerwochen gepumpt, Hauptsache schön heiß und fettig, so wollen es die Massen! Dann hats im April halt nur 3 Grad und den ganzen Regen tun wir in den Mai rein, und ich will hier wirklich keinen Verschwörungstheorien aufstellen, aber man fragt sich schon, wem es nutzt, wenn die Hitze den Menschen das Gehirn wegbrennt und sie in tropfende, dahinvegetierende Sonnencremezombies verwandelt, deren IQ nur knapp über der Tageshöchsttemperatur liegt.

Es gibt eine kleine Trickfilmserie von mir und in einer Folge sagt Kloß, einer der Heldden, eigentlich alles zum Thema Sommer, was es zu sagen gibt:

(Apropos: Wo ich gerade von amphibischen Lebensformen und Laichplätzen schrieb: Mir wurde berichtet, dass es derzeit massenahfte Jungfroschwanderungen im Ökobot zu besichtigen gibt. Ich hoffe, sie wandern noch bis morgen, heute schaffe ich es wohl nicht mehr dorthin. Nachdem ich vor 2 Monaten Zeuge einer Spring Break Party für Frösche  wurde, interessiert mich das natürlich sehr.)

Jetzt aber:

Das große Bindlacher Bergdrama Finale.

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(Frau mit Hut – die hat’s gut!)

Ach, eigentlich war dass alles gar nicht so dramatisch. Ich habe haltlos übertrieben, um ein bisschen Spannung ins Webllog zu bringen, tut mir leid.

Andererseits … es war schon schlimm.

Ich keuchte also den Bindlacher Berg hinauf, hoffte auf einen schönen Ausblick, schöne Landschaft und vielleicht sogar einen kalten klaren Bergsee und fand …

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Also ersteinmal fand ich tatsächlich einen tollen Ausblick. Nie schaute ich mit größerer Sehnsuch auf ein in der Ferne liegendes Städtchen, wie in diesem Moment auf Bayreuth. Bayreuth! In Bayreuth gibt es Schatten, es gibt Brunnen, es gibt das Rinnla für die glühenden Füße und tausend Cafés und Kneipen für die trockene Kehle, es gibt eine kleine Stadtschreiberwohnung mit einer Dusche, die kostbares kaltes Nass auf geschwollene Köpfe und verbrannte Arme regnen lässt, Bayreuth!

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(Sieht irgendwie nach Steilküste aus. Nur dass unten statt der Ostsee Bayreuth liegt.)

Die Frage war, wie ich zurückkommen sollte. Laufen kam nicht in Frage, ich war im Eimer, mir war schwummrig, die Füße platzten, das Knie tat weh, die Sonnenbrandherde wüteten und irgendjemand schien die ganzen Zeit mit einem Plüschbaseballschläger auf meinen Kopf einzudreschen.

Also verließ ich meinen Ausguck, schlug mich durch das Gebüsch, sammelte dabei noch ein paar Kratzer und eine Zecke ein, kam an einer Schafherde vorbei, erreichte die Siedlung auf dem Bindlacher Berg und mein erster Gedanke war: Mein Gott, hier möchte ich nicht tot über dem Zaun hängen! Der zweite Gedanke war: Moment, das ist ein bisschen ungerecht. Eigentlich würde ich hier ganz gerne tot über dem Zaun hängen! Tot über dem Zaun zu hängen ist überhaupt das einzige, was ich hier gerne machen würde!

Ich wunderte mich, dass niemand anders tot über dem Zaun hing, wo die Siedlung doch dermaßen dazu einlud. Aber wahrscheinlich wurde man recht schnell weggeräumt, wenn man hier tot über dem Zaun hing, denn es war ein sehr sauberer Ort.

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(Die Siedlung habe ich mich nur mit aufgesetztem Objektivdeckel zu fotografieren getraut.)

Solche frisch gebauten Fertigeinfamilienhausreihensiedlungen deprimieren mich ungeheuer. Früher standen hier wohl Kasernen und wahrscheinlich waren sie einladender als die Desperate-Housewives-Szenerie, die dort jetzt entstanden ist. Ich kann nicht verstehen, warum Menschen an solche Orte ziehen. Klar: „wegen der Kinder und wegen der schönen Gegend und weil es so schön ruhig ist“. Nun ist freilich mit jeder Siedlung, die entsteht, etwas weniger schöne Gegend für alle übrig. Und Kinder können auch in der Stadt glücklich sein, vielleicht sind sie dort sogar glücklicher, ganz sicher sind sie es spätestens mit zwölf Jahren oder wenn Bayreuth eines Tages die kinderfreundlichste Stadt Deutschlands ist. Und Ruhe kann ja auch schnell mal langweilig werden.

Naja. Ich muss ja nicht dort wohnen. Ich musste nur dort weg. Ich fand tatsächlich eine Bushaltestelle, doch der Bus sollte erst in anderthalb Stunden fahren und man hätte ihn zudem vorher anrufen müssen. Lieber starb ich auf dem Rückweeg, als anderthalb Stunden dort oben zu warten!

Naja, was soll ich noch groß erzählen. Dass ich überlebt habe, verriet ich ja leider schon im ersten Teil. Ich schaffte es bis nach Bindlach, feierte mein Entkommen mit einem Eis und fuhr mit dem Bus nach Hause. Das war auch schon alles.

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(Rettung in letzter Sekunde.)

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2 Kommentare zu “Das große Bindlacher Bergdrama – Teil III

  1. …ach und hätt er sich – trotz großem Berg- und Hitzedrama – immer weiter auf dem (Jean Paul-)Weg noch durch den „Vorhimmel“ (sinniger Weise via (Goldkronacher) Friedhof und (Bernecker) Galgenberg (welch Ironie)) gekämpft – bis zum Bad Bernecker Jean Paul-Platz (gibt´s wirklich) – dann hätt er kühlen Schatten und dunkles Bier an ebensolchem gefunden; gewiss, gewiss…

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