Sonnenuntergang mit Jean Paul

Das Wort „Sonnenuntergang“ gehört zu den wichtigsten in Jean Pauls Arsenal (und wahrscheinlich dem der meisten Autoren seiner Zeit). Dauernd wurde über Sonnenuntergänge geschrieben. Ungefähr genauso häufig wie heutzutage über grausame Serienmörder. Sonnenuntergänge sind also literarisch betrachtet die Psychopathen des 18. und 19. Jahrhunderts. Ich mag sie trotzdem.

An einem schönen Tag ist nichts so schön als sein Sonnenuntergang

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»Hieher wollt‘ ich Sie nur haben« (sagte Viktor) – »jetzt müssen Sie mit mir weitergehen und heute beim Apotheker übernachten.« – »In der Tat,« sagte die Kaplänin kalt, »bis zu Sonnenuntergang wird mitgegangen: wir sollen doch nicht dieser schönen Sonne den Rücken wenden?« Allerdings hatte der Abend lauter Freudenfeuer angezündet auf der Sonne – auf den Wolken – auf der Erde – auf dem Wasser.

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Firmian bejammerte die dumpfen im dicken Erdenblute schwimmenden Menschenherzen, für die jetzo die untergehende Sonne und der gefärbte Himmel und die weite Erde unsichtbar waren oder vielmehr eingekrochen zu einem zerhackten Holzstrunk; das gewisseste Zeichen, daß ihre Herzen im ewigen Gefängnis des Bedürfnisses lagen, war, daß niemand eine witzige Anspielung auf den Vogel oder auf das Königwerden machen konnte.

Auch mir fällt – zugegeben – keine witzige Anspielung auf Vögel oder das Königwerden ein. Liegen nicht unser aller Herzen im ewigen Gefängnis des Bedürfnisses? Übt Jean Paul hier im Siebenkäs frühe Kritik an der Konsumgesellschaft?

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IMG_2961 Das müssen Zeiten gewesen sein, als die Menschen noch mit dem Sonnenuntergang schlafen gingen:

Man kann, da im ganzen alles nach Sonnenuntergange von einem Weltteil und Weltgürtel zum andern schläft, immer der untergehenden Sonne nachziehend die Kugel mit lauter hingestreckter, wie von Saturns Sense umgelegter und geernteter Menschen-Welt erblicken – einen der längsten Kirchhöfe – das wahre Totliegende der Menschheit – alle kraftlos, sinnlos, bewußtlos – der Geistreichste dem Einfältigsten gleich, der Kraftvollste dem Schwächsten

IMG_2940 Abenddämmerung und Gehirnumleuchtung:

… in der Geschichte des Kopfs gibt es keineAbenddämmerung, welche einer Nacht, sondern nur eineMorgendämmerung, die dem Tage vorzieht; nur fodert jeder gern die optische Unmöglichkeit, daß eine Kugel auf einmal (sie sei aus Erde oder Gehirn) ganz umleuchtet werde.

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Ein Kommentar zu “Sonnenuntergang mit Jean Paul

  1. Lob des Abendrotes

    Das Abendrot ist schöner als das Morgenrot;
    Zum ersten, weil es ist bequemer anzusehn,
    Und man deswegen früh nicht aufzustehen braucht;
    Zum andern, weil im Abendrot lustwandeln gehn
    Die Schönen, die noch schlafen, wann der Morgen haucht;
    Zum dritten, weil die Abendröte schönen Tag,
    Die Morgenröte schlechten prophezeien mag;
    Zum vierten endlich, und das ist in meinem Sinn,
    Was gibt den Ausschlag: weil ich selbst dem Abendrot
    Des Lebens näher als dem Morgenrote bin.

    (Friedrich Rückert)

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