Mit sonderbarer Hochachtung

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(Abschiedsbesuch in der Eremitage)

Einen herzlichen Dank, an alle, die am Donnerstag zur Lesung gekommen sind, eine Entschuldigung für die Unannehmlichkeiten und ganz besonders an alle, die nicht hereingekommen sind, ein Gruß an die, die gern gekommen wären, aber nicht konnten und ein fröhliches „Dann beschwert euch aber nicht, dass in Bayreuth angeblich nichts los ist“ an die, die einfach nicht gekommen sind ;) Vielen Dank an Micha Ebeling und Uli Hannemann, die statt einer Lesung zwei gemacht haben, und an das Literaturcafé Bayreuth, die seit Jahren immer mal wieder Berliner Lesebühnen oder Leute wie das Fuck Hornisschen Orchestra nach Bayreuth holen.

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Und eine ganz ganz große Entschuldigung an dieser Stelle auch noch einmal an die Band King Sorella. Das ist sehr doof gelaufen und tut mir und den Organisatoren wahnsinnig leid. Wir hätten euch so gerne gehört und haben uns sehr gefreut, dass ihr Lust hattet ein bisschen bei uns zu spielen. Dass es nicht geklappt hat, lag letztlich an einer Unbekümmertheit unsererseits, wir hätten gleich damals vor ein paar Wochen genau klären müssen ob und wie wir das genau machen und überhaupt machen können, damit es nicht in letzter Sekunde zu dieser doofen Situation führt. Tut uns leid! Ich hoffe sehr, dass wir das irgendwann einmal nachholen können.

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Heute lese ich also wirklich das letzte Mal in Bayreuth vor. Zumindest für die nächste Zeit. Allerallerspätestens im November beim Jean-Paul-Slam im KOMM habe ich wieder ein Bayreuther Mikro vor der Nase, das beruhigt mich sehr. Ich wies ja bereits auf die Jean-Paul-Literaturnacht heute im RW21 hin. Mehr als 20  Veranstaltungen finden zwischen 17.00 Uhr und 21.30 Uhr statt, ich bin gleich um 5 und dann noch einmal um 9 dran und werde dort vor allem von meinen Abenteuern in Bayreuth und mit Jean Paul erzählen (und um 5 auch Bilder dazu zeigen). Bayreuther Tagebuch live sozusagen.

Strübing liest Paul

Flegeljahre – Fortsetzung

Da es eine Weile her ist, seit ich über die Flegeljahre schrieb hier nochmal ein Link zum letzten „Strübing liest Paul“-Kapitel. (Man muss ein bisschen nach unten scrollen.)

Wie schon berichtet wird sich der Roman nach einem laut knallenden Startschuss wie so oft bei Jean Paul in alle möglichen Richtungen entwickeln, der Fluss der Handlung sich zu einem Delta auswachsen. Jean Paul bereitet den Leser gleich nach der Testamentseröffnung darauf vor. Ein Punkt des Van Kabelschen Testaments bestand nämlich darin, dass ein „habiler, dazu gesattelter Schriftsteller von Gaben […], der in Bibliotheken wohl gelitten wäre“ aufgetrieben und mit der Aufgabe betraut werden solle, die Erfüllung der anderen Testamentsklauseln zu begleiten und ein Buch darüber zu verfassen, ob und wie der Bauernsohn, Hobbypoet und Universalerbe Walt die Aufgaben erfüllen würde, die der Verstorbene ihm als Bedingung für den Antritt des Erbes stellt.

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(Der Megavollmond vom letzten Sonnabend)

Ein solcher Schriftsteller wird denn auch gefunden: Ein Herr namen Johann Paul Friedrich Richter – besser bekannt als Jean Paul. Einer von mehreren  selbstbezüglichen Scherzen, die Jean Paul so liebte. (Später wird zum Beispiel ein Zwillingsbruder Walts auftauchen, Vult genannt, der sich als Verfasser der „Grönländischen Prozesse“ zu erkennen gibt – des ersten verlegten Buches Jean Pauls, das er damals anonym veröffentlichen ließ.)

Gleich das zweite Kapitel des Buches ist denn ein Brief Jean Pauls an den Stadtrat, in dem er diese Aufgabe annimmt und von dem Buch schwärmt, dass er zu schreiben gedenke. Zum einen kündigt er kurze, dafür zahlreiche Kapitel an – denn er soll für jedes Kapitel ein Stück aus dem Nachlass Kabels erhalten („In der gelehrten Welt sind ja alle Kapitel erlaubt, Kapitel von einem Alphabet bis zu Kapiteln von einer Zeile“). Dann berichtet er, was er alles in das Buch hineinpacken wolle:

Das Werk – um nur einiges vorauszusagen – soll alles befassen, was man in Bibliotheken viel zu zerstreut antrifft; denn es soll ein kleiner Supplementband zum Buche der Natur werden und ein Vorbericht und Bogen A zum Buche der Seligen […]

Für den Geschmack der fernsten, selber der geschmacklosesten Völker wird darin gesorgt; die Nachwelt soll darin ihre Rechnung nicht mehr finden als Mit- und Vorwelt –
Ich berühre darin die Vaccine – den Buch- und Wollenhandel – die Monatsschriftsteller – Schellings magnetische Metapher oder Doppelsystem – – die neuen Territorialpfähle – die Schwänzelpfennige – die Feldmäuse samt den Fichtenraupen – und Bonaparten, das

berühr‘ ich, freilich flüchtig als Poet –
Über das weimarsche Theater äußer‘ ich meine Gedanken, auch über das nicht kleinere der Welt und des Lebens –
Wahrer Scherz und wahre Religion kommen hinein, obwohl diese jetzt so selten ist als ein Fluch in Herrnhut oder ein Bart am Hof –
Böse Charaktere […] werden tapfer gehandhabt, doch ohne Persönlichkeiten und Anzüglichkeiten […]
Trockne Rezensenten werden ergriffen und (unter Einschränkung) durch Erinnerungen an ihre goldne Jugend und an so manchen Verlust bis zu Tränen gerührt, wie man mürbe Reliquien ausstellt, damit es regne –
Über das siebzehnte Jahrhundert wird frei gesprochen, und über das achtzehnte human, über das neueste wird gedacht, aber sehr frei –

Gleich dem Not- und Hülfs-Büchlein muß das Buch Arzneimittel, Ratschläge, Charaktere, Dialogen und Historien liefern […]

In jeden Druckfehler soll sich Verstand verstecken und in die errata Wahrheiten –

Täglich wird das Werkchen höher klettern, aus Lesebibliotheken in Leihbibliotheken, aus diesen in Ratbibliotheken, die schönsten Ehren- und Parade-Betten und Witwensitze der Musen – –
Aber ich kann leichter halten als versprechen. Denn ein Opus wirds…

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(Herummäandernd wie die Handlung vieler Jean-Paul-Romane: Licht- und Schattenspiele in einem der Bogengänge der Eremitage.)

Über seine eigentliche Aufgabe, die Geschichte Walts und seiner Versuche, sich das Erbe zu verdienen zu berichten, verlerit dieser seltsame Herr Richter kein Wort. Der Leser ist also gewarnt. Man kann Jean Paul gewiss kein falsches Spiel vorwerfen.

Und dem Dichter selbst wird ein wenig blümerant, als er an die Mammutaufgabe denkt, die er sich selbst gestellt hat:

O hochedler Stadtrat! Exekutoren des Testaments! sollt‘ es mir einst vergönnet werden, in meinem Alter alle Bände der Flegeljahre ganz fertig abgedruckt in hohen, aus Tübingen abgeschickten Ballen um mich stehen zu sehen – –

Bis dahin aber erharr‘ ich mit sonderbarer Hochachtung
Koburg, den 6. Juni
1803
Ew. Wohlgeb.
etc. etc. etc.
J. P. F. Richter

Mit „sonderbarer Hochachtung“ erharr‘ auch ich für den Moment

Bayreuth, den 29. Juni
2013
Volker Strübing

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2 Kommentare zu “Mit sonderbarer Hochachtung

  1. LIeber Herr Stadtschreiber –
    ich war eine der Glücklichen, die am Donnerstagabend in der Lamperie bei der ersten Abteilung ab 19 Uhr dabei war und hab es sehr genossen. Die beiden anderen Schreib- und Leser (MIcha und Uli) habe ich bereits von einer Lesung in der Uni BT gekannt – Ihr seid eine allerliebste herzige Spezies, ich freu mich immer, dabei zu sein….. großer Fan!
    Mäggs

  2. Das wars dann also, sehr schade… na dann eine gute Rückkehr nach Berlin, eine Stadt, die dann doch etwas anders als Bayreuth ist, aber auch ihren Charme auf eine ganz eigene Weise hat. Mir hat das Blog und deine Veranstaltungen auf jeden Fall Spaß gemacht die letzten Monate!

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