Hagen war’s!

Och, war doch gar nicht so  schlimm. Was da nur immer für ein Gewese gemacht wird, um die langen Wagner-Opern und die Wärme im Festspielhaus und die doofen Sitze und trallala! Das hält man schon mal aus. Zumal einem erst dort bewusst wird, wie gut dass alles ausbadowert ist: Ich habe mir zum Beispiel Sorgen gemacht, dass ich während der Aufführung auf  Toilette müsste – ich habe eine ziemliche Konfirmandenblase bzw. Pionierblase, wie es in diesem Fall richtig heißen muss, da die Bayreuther Festspiele ja „pure DDR“ sind, wie olle Castorf beteuert. Die Sorge war unbegründet, da der Saal extra so gut beheizt wird, dass sich das alles über Transpiration regelte.

Ich werde jetzt nicht erzählen, wie es war, dass darf ich ja auch gar nicht. Über die Generalproben darf man nicht berichten, man unterschreibt auf der Eintrittskarte, dass man sich jeder öffentlichen Kritik enthält. Das ist ja auch einzusehen, und ich bin ganz froh darüber, denn so kann ich darüber schreiben, wie es ganz und gar nicht war. Aber nicht jetzt, das kommt in einem späteren Post. Soviel sei verraten: Die Spannung wurde ein wenig dadurch genommen, dass ich schon vorher wusste, wer der Mörder ist …

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(Anlässlich meiner Rückkehr nach Bayreuth am Dienstag die gelben Säcke rauszustellen, war wirklich eine nette Idee ;-)

Jetzt etwas ganz anderes: Wie es scheint hat es niemand in Bayreuth bemerkt (alle, denen ich davon erzählte, kriegten große Augen und fragten: „Ach, echt?“), aber klammheimlich wurden sämtliche Jean-Paul-Fahnen abgehängt – da passt man mal drei Wochen nicht auf!

Dass niemand bemerkt hat, dass sie weg sind, kann eigentlich nur heißen, dass niemand bemerkt hat, dass sie da waren. Dabei waren sie doch nun wirklich nicht zu übersehen, dass müssen hunderte gewesen sein – wahrscheinlich soviele, dass man den Wald vor lauter Bäumen usw. Umfangreiche Beflaggung scheint kein effektives Mittel zu sein, etwas in den Köpfen der Menschen zu verankern. Das hat man ja auch an der DDR gesehen, wo zu allerlei Anlässen DDR- und Arbeiterfahnen in rauhen Mengen in den Wind gehängt wurden. Fahnenmangel herrschte selbst in den schlimmsten Jahren nie in der DDR und man musste sich auch nicht zehn Jahre im voraus anmelden, wenn man eine DDR-Fahne erwerben wollte. Genutzt hat es nichts, die DDR ist untergegangen und existiert nur noch – womit wir wieder bei Castorf wären – in Bayreuth.

„Bayreuth ist pure DDR“, konnte man jetzt allenthalben lesen, wobei Castorf gar nicht die Stadt, sondern nur das Festspielhaus bzw. die Produktionsbedingungen meinte. Inwieweit das zutreffend ist, kann ich nicht beurteilen. Wenn ich an meine Lehrzeit und das halbe Jahr, dass ich noch in der DDR gearbeitet habe, zurückdenke, muss es recht entspannt zugegangen sein, mit langen Pausen und jeder Menge Bier und Pfeffilikör in den Spät- und Nachtschichten, und wenn man unpünktlich kam, machte man das Zuspätkommen eben durch früher Gehen wieder wett. Vielleicht hat er das ja gar nicht als Kritik, sondern als Kompliment gemeint?

Das Dumme ist natürlich, dass am Ende nur dieses (obendrein wohl nicht korrekte) Zitat „Bayreuth ist pure DDR“ hängenbleiben wird. Außerhalb Bayreuths identifiziert sowieso fast  jeder die Stadt mit Wagner und den Festspielen, als existiere sie nur zwei Monate im Jahr und ausschließlich auf dem Hügel. Vielleicht sollte die Stadt das Geld, das für Beflaggung ausgegeben wird, in eine Imagekampagne investieren, die der Welt mitteilt, was Bayreuth eigentlich nicht ist: „Bayreuth ist NICHT Wagner!“, „Bayreuth ist NICHT das Festspielhaus! Zumindest nicht ausschließlich! Menno!“, „Bayreuth ist NICHT die DDR! Wir wiederholen: BAYREUTH IST NICHT DIE DDR! Und auch nicht Nordkorea!“, „Es herrscht KEIN Bananenmangel in Bayreuth!“, „Bayreuthern steht KEIN Begrüßungsgeld zu!“ oder auch:  „Bayreuth ist NICHT so doof wie Sie vielleicht denken!“ etc., um nur  mal ein paar Vorschläge für Headlines zu machen.

Zum Glück NICHT abgehängt wurde das tollste Straßenschild Bayreuths … danke :)

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(Ich bin ja einer von insgesamt nur zwei Menschen, denen das Rathaus gefällt (wenn auch aus seltsamen Gründen), aber vielleicht …)

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(… gelingt es ja der Videoinstallation von Philipp Geist, ihm einige neue Freunde zu gewinnen. Wer noch nicht da war: Hingehen, gucken, ein Bier trinken, sich freuen. Wer schon mal da war: Noochmal wiederkommen, weil sich das Werk jeden Tag ein bisschen verändert und weiterentwickelt.)

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2 Kommentare zu “Hagen war’s!

  1. Mal ganz hart und deutlich ausgedrückt, diese Art der Beflaggung ist ein Relikt aus der Nazizeit und könnte durch andere moderne gestalterische Elemente ersetzt werden.

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