Über dieses Blog

Guten Tag,

mein Name ist Volker Strübing, ich bin ein Berliner Autor. Von Februar bis Juli 2013 lebe, lese  und schreibe ich als Stadtschreiber in Bayreuth. Dies ist das Tagebuch dieser Zeit und gleichzeitig ein Protokoll meiner Lektüre von Werken Jean Pauls. Vorbild für dieses Projekt ist das Buch Schmidt liest Proust von Jochen Schmidt.

Persönliche Nachrichten können Sie an meine emailadresse volker[ät]volkerstruebing.de senden oder via Facebook.

Jean Paul, Bayreuth und ich

(Ein Text zum Geburtstag von Jean Paul am 21.3. für die Jean Paul Gala im Münchener Residenztheater)

„Ich werde also so gut verschwinden, […] wie mein Jahrhundert – […] wahrlich ich werde und muß einen letzten Leser haben… Letzter Leser – eine wehmütige und sanfte Idee!“

Jean Paul Friedrich Richter, „Die wunderbare Gesellschaft in der Neujahrsnacht“

Seit dem 1.2. diesen Jahres bin ich Stadtschreiber von Bayreuth. Teil meiner Aufgabe sollte es laut Ausschreibung sein, am gesellschaftlichen Leben der Stadt teilzunehmen, was ich so interpretiere, dass ich möglichst oft in Cafés und Kneipen herumsitzen soll – eine Aufgabe, die ich bis jetzt mit Bravour meistere. Der Haken an der Sache: Der Stadtschreiber soll sich außerdem mit Jean Paul auseinandersetzen. Ich schrieb wahrheitsgemäß in meine Bewerbung, dass ich bisher mit Jean Paul ebensowenig zu tun hatte wie mit Bayreuth, dass ich mich aber darauf freuen würde, sowohl den Autor als auch die Stadt für mich zu entdecken. Ich hatte ja keine Ahnung.

Seltsamerweise entschied sich die Jury trotzdem für mich. Ich fühlte mich tüchtig gebauchpinselt, bis mir vor einiger Zeit der wahre Grund für die Entscheidung klar wurde. Nicht meine Arbeitproben, auf die ich mir soviel eingebildet hatte, waren das Kriterium, sondern mein Alter. Ich bin 41 Jahre alt – genauso alt wie Jean Paul, als er nach Bayreuth zog! Und es ist bekannt, dass er kurz nach diesem Umzug zu verlottern begann, sich furchtbar gehen ließ und seiner ohnehin großen Liebe zum Bier ganz und gar nachgab. Seine schmuddlige Weste wurde bald legendär, er ging immer weiter aus dem Leim und es wird erzählt, dass er sich die Schreibstube in der Rollwenzelei nur einrichten ließ, weil er sich in der Wirtsstube darunter hemmungslos zu betrinken pflegte. Nun möchte man offenbar herausfinden, ob Bayreuth auf zugezogene 41jährige Schriftsteller immer diese Auswirkung hat, oder ob es an Jean Paul lag; das ganze ist nichts als ein soziokulturelles Experiment und ich bin die Ratte, die man ins Labyrinth der Bayreuther Gassen gesetzt hat. Das Ergebnis steht noch nicht fest – das fränkische Bier schmeckt mir jedoch alarmierend gut.

Wie auch immer: Ich zog also entgegen der üblichen Migrationsbewegung von Berlin nach Oberfranken. Ein Kollege schrieb bei Facebook zu meinen Weggang: „Hoffentlich bayreuth er das nicht“, und natürlich musste ich mir gefühlte 1000 Wagner- und Chrystal-Meth-Sprüche anhören. Wenn ich darauf entgegnete: „Vergesst Wagner! Es geht um Jean Paul!“ war die häufigste Reaktion die Frage: „Welcher Jean Paul? Sartre? Oder Gaultier? Oder meinst du Sean Paul, den Dancehall-Musiker?“

Man kommt nicht drum herum: Vor zwei Jahrhunderten ein Star kennen ihn viele heute gar nicht mehr. Das mag zum Teil daran liegen, dass Sätze wie folgender nicht unbedingt heutigen Lesegewohnheiten entsprechen:

Denn da unser Enzyklopädist nie das innere Afrika oder nur einen spanischen Maulesel-Stall betreten, oder die Einwohner von beiden gesprochen hatte: so hatt’ er desto mehr Zeit und Fähigkeit, von beiden und allen Ländern reichhaltige Reisebeschreibungen zu liefern – ich meine solche, worauf der Statistiker, der Menschheit-Geschichtschreiber und ich selber fußen können – erstlich deswegen, weil auch andre Reisejournalisten häufig ihre Beschreibungen ohne die Reise machen – zweitens auch, weil Reisebeschreibungen überhaupt unmöglich auf eine andre Art zu machen sind, angesehen noch kein Reisebeschreiber wirklich vor oder in dem Lande stand, das er silhouettierte: denn so viel hat auch der Dümmste noch aus Leibnizens vorherbestimmten Harmonie im Kopfe, daß die Seele, z.B. die Seelen eines Forsters, Brydone, Björnstähls – insgesamt seßhaft auf dem Isolierschemel der versteinerten Zirbeldrüse – ja nichts anders von Südindien oder Europa beschreiben können, als was jede sich davon selber erdenkt und was sie, beim gänzlichen Mangel äußerer Eindrücke, aus ihren fünf Kanker-Spinnwarzen vorspinnt und abzwirnt.

Was er damit sagen will, ist natürlich klar: Wenn Du über die Ferne berichten willst, bleibe ihr fern, anders gesagt: Um über Bayreuth zu schreiben, hätte ich eigentlich in Berlin bleiben müssen. Zum Glück hat in Bayreuth offenbar niemand diese Stelle gelesen.

Es ist schwer vorstellbar, dass Jean Paul mit Wortgebirgen wie diesem heute viele Follower bei Twitter finden würde, zumal er diesen einen Satz auf acht einzelne Tweets aufteilen müsste. Ihn zu lesen, nachdem man vorher eine Stunde bei Facebook unterwegs war, ist ungefähr dasselbe, als würde man beim Skateboardfahren mit einem Mario-Barth-Hörbuch vom ipod im Ohr ungebremst gegen eine urplötzlich im Weg stehende alte deutsche Eiche krachen – aber vielleicht tut das ja hin und wieder ganz gut.

Was uns heute kompliziert erscheint, war für die Menschen vor 200 Jahren, zumindest die gebildeten Stände, ein reines Vergnügen, und wenn eine junge Frau seinen Roman „Hesperus“ in die Hände bekam, war sie danach mit großer Wahrscheinlichkeit in ihn verliebt. Heute legt sie ihn mit großer Wahrscheinlichkeit nach dem zweiten Satz („Die Partei des ersten Maies oder des Dienstags bestand aus dem Kaplans-Sohne Flamin, der mit dem Engländer bis ins zwölfte Jahr in London und bis ins achtzehnte in St. Lüne erzogen worden, und dessen Herz mit allen Aderzweigen in das britische verwachsen und in dessen heißer Brust während der langen Trennung durch Göttingen ein Herz zu wenig gewesen war – ferner aus der Hofkaplänin, einer gebornen Engländerin, die in meinem Helden den Landsmann liebte, weil der magnetische Wirbel des Vaterlandes noch an ihre Seele über Meere und Länder reichte – endlich aus ihrer ältesten Tochter Agathe, die den ganzen Tag alles auslachte und lieb hatte, ohne zu wissen warum, und die jeden, der nicht gar zu viele Häuser weit von ihr wohnte, mit ihren Polypenarmen als Nahrung ihres Herzens zu sich zog“) beiseite.

Jean Paul selbst sah voraus, dass seine Werke eines Tages kaum noch „auf den Toiletten aufgeschlagen liegen“ würden. Die deutsche Sprache hat sich in den letzten zwei Jahrhunderten weiterentwickelt; manche würden vielleicht sagen: zurückgebildet. Heutige Romane nehmen sich neben denen aus Jean Pauls Zeiten in sprachlicher Hinsicht oft aus wie das Rotmain-Einkaufszentrum am Hohenzollernring in Bayreuth neben der von ihm so geliebten Eremitage.

Ich will hier keinen Kulturverfall beklagen. Ich gehe gern in Einkaufszentren und liebe die heutige Literatur. Doch so wie ein Besuch in der Eremitage einen aus dem Alltag entführen kann, kann auch Jean Paul einen für eine Weile aus dem Gewohnten reißen. Natürlich kostet es Anstrengung – alte Schlösser haben im Gegensatz zu Einkaufszentren ja auch keine Rolltreppen.

Ich musste das auf die harte Tour lernen. Im letzten Herbst versuchte ich zuerst, seine Bücher ganz arglos zu schmökern, fiel dabei natürlich fürchterlich auf die Nase und fürchtete schon, ich müsste die Stadtschreiberstelle ablehnen, damit nicht am Ende die Jury ihre Entscheidung „bayreuth“ und Jean Paul meinetwegen die Erde des Bayreuther Stadtfriedhofs durch Rotation auflockert.

Doch beim zweiten Anlauf habe ich meinen Zugang gefunden.

„Jean Paul in kleinen Dosen“ – wie ein Programm der Bamberger Lyrikerin Nora Gomringer heißt – ist genau das richtige Rezept. Kleine Dosen, etwas Ruhe und die Bereitschaft die vielen kleinen Geschenke anzunehmen, die er dem Leser macht. Wer sich freuen kann an Bildern wie dem von Agathe, die mit ihren Polypenarmen alle um sich herum als Nahrung ihres Herzens zu sich zieht, der wird für seine Bemühungen reich entlohnt.

Sehr geehrter Herr Richter, zum Geburtstag alles Gute! Ich trinke nachher, wie es angemessen ist, ein Bier auf Sie und hoffe, dass es noch sehr, sehr lange dauert, bis Sie – wie in der „wunderbaren Gesellschaft in der Neujahrsnacht“ vorausgesehen – Ihren „letzten Leser haben“.

 

 

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13 Kommentare zu “Über dieses Blog

  1. Wenn das 5 Monate so weiter geht: Graulation stadt Bayreuth, endlich jemand der die gute Bahnanbindung bayreuths anerkennt. Dafbrauchen wir einen „verbeamteten?! Stadtaschreiber

    • Wenn man es falsch liest, ist „verbeamtet“ ein schönes Wort und lässt einen an eine Fehlfunktion im Transporterraum der Enterprise denken. Davon abgesehen: Ja, das geht jetzt 5 Monate so weiter, und nein: Ich bin leider nicht verbeamtet.

  2. Als „Frangge“ ist man natürlich erst mal skeptisch und fragt sich: „Braucht’s des?“; „Was macht denn der da?“, “ Na hoffentlich macht der Bayreuth net schlecht und streicht die Provinz heraus.“ Jedoch glaube ich, tut es uns Bayreuthern ganz gut, mal aus der Brille eines Externen unsere Eigenheiten, jedoch hoffentlich auch Schön- und Besonderheiten zu erfahren. Den Reflektion tut immer gut. In diesem Sinne ein freundliches „Bassd scho“. Herzlich willkommen in Bayreuth!

  3. Grüß Gott: Gottesfürchtige, ältere Menschen, Servus: ? Das sagen Bayreuther? Herrje!
    Hallo (und ein grinsen): Geht IMMER :-)
    Willkommen in Bayreuth

  4. Hallo und alles Gute dem Knie und, dass es nun 40 weitere Jahre hält!
    Warum kann man denn das Tagebuch nur im Internet verfolgen? Ich mache schon soweit es geht Reklame für Ihre sehr lesenswerten Beiträge, aber nicht jeder hat einen Zugang zum WWW. Vielleicht hilft mein Leserbrief an den NK und meine Mail an des Rathaus, z.B. eine Rubrik „Stadtschreiber auf Zeit“ im Bayreuther News Paper einzurichten. Mal sehen … ich lese jedenfalls jeden Tagebucheintrag mit Vergnügen.

    • Oh, vielen Dank! Das Tagebuch im Internet ist ja eher so ein Experiment, ich versuche (mit Ausnahme dieser Woche, wo ich es ruhiger angehen lasse), fünfmal die Woche etwas zu schreiben – wahrscheinlich ist da nicht alles druckreif. Sowas wie ein „Best of“ einmal die Woche oder einmal im Monat wäre natürlich schon toll. Ganz sicher werde ich aber am Ende meiner Zeit in Bayreuth alles einmal für mich ausdrucken, um mich an dem großen Stapel zu berauschen ;)
      Viele Grüße!

  5. Ich bin inzwischen so ein Fan des (bereits zu Lebzeiten legendären!) Blogs geworden, dass ich ihn mir sofort kaufen würde, sollte es ihn irgendwann mal in gedruckter Form geben :-) Jedenfalls ist er zu schade, um irgendwann in den Untiefen des weltweiten Netzes zu verschwinden.
    Vielleicht ließe sich ja über den KURIER was machen, der ja inzwischen auch manche seiner wöchentlichen Sonderthemen gesammelt als Boschüre herausgibt?
    Würde mich jedenfalls freuen – und mit mir vielleicht so manchen anderen Lokalpatrioten, der regelmäßig sein Lokalregal füllt…

  6. Ich bin Exil-Bayreutherin und liebe das Tagebuch. Danke für die (fast) tägliche Ration gute Laune, die es bringt und die tollen Fotos.Bei der Schilderung des Fussballspieles habe ich fast ein bißchen Heimweh bekommen….
    Viele Grüße und bitte halten Sie durch, der Frühling kommt auch irgendwann nach Oberfranken.

  7. Gewonnene Praxis: „Alles einmal ausdrucken, um sich am großen Stapel zu berauschen.“

    Verwirrend: „der bereits zu Lebzeiten legendäre Blog.“ Wessen Lebzeiten? Die vom Stadtschreiber, von Jean Paul, die vom Blog? Können Blogs (oder Blögge?) leben?

  8. „Bayreuth, Stadt des eingemauerten Wassers“ (Kurier Sa 6.4.2013 S.11) Nicht nur Wasser liebt in Bayreuth den Beton. Auch die Stadtmitte, die Maxstrasse glänzt mit Beton als Deckelfläche eines Atombunkers. Auch hier ist Wilhelmine seit 250 Jahren tot. Nirgends etwas verspieltes Barock, Bänke in Blumenbeeten, alte Balustraden und alte Brunnen. Alles gerade, gefühllos, flach, leer, wie die Köpfe der Planer und der Verwaltung. Wenn es nicht die Zwangshinterlassenschaft der Wilhelmine gäbe wären wir eine normale hässliche Betonstadt.
    Auch, wir wollen ja die kinderfreundlichste Stadt werden. Dieses Märchen ist nur mit einem zu lösen – mit viel Geld und noch mehr Arbeitsplätzen. Aber Bayreuth hasste Geld schon immer und wirft jede Mio-Gewerbesteuereinnahme und geschenkte Arbeitsplätze wie das Möbelhaus, das Tagungsprojekt und weitere in den Mistelbach. Und wie machte das Wilhelmine ? Von den Schulden die sie machte leben wir heute.

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