Bayreuth, ich komme! (Wenn man mich lässt.)

Was für eine muntere, joviale Stimme. „Liebe Fahrgäste, es ist Kaffeezeit. Wie wäre es jetzt mit einem Heißgetränk und einem Stück Butterkuchen im Bordbistro?“ – so in etwa klingt er, nur dass er stattdessen sagt: „Liebe Fahrgäste, aufgrund einer Personenüberfahrung eines vorausfahrenden Zuges hat unser Zug zur Zeit …“ Ist die Sache an sich nicht schlimm genug? Muss man auch noch die deutsche Sprache meucheln? Personenüberfahrung, was für ein Wort! Warum nicht „Personenüberquerung“? Und müsste es nicht statt „Personenüberfahrung eines vorausfahrenden Zuges“ richtig heißen „Personenüberfahrung durch einen vorausfahrenden Zug“? Oder aber: „Personenüberfahrt eines vorausfahrenden Zuges“, wobei „Überfahrt“ vielleicht zu sehr nach Schiffspassage klingt. Vielleicht sollte man einfach sagen: „aufgrund der unbezahlten und unsachgemäßen Benutzung des vorausfahrenden ICE durch eine Person“, das würde eine besonders schlimme Sprachverhunzung (eben die „Personenüberfahrung“) vermeiden und auch nicht so schlimme Bilder im Kopf provozieren. Ist übrigens mal jemanden aufgefallen, wie erleichtert die Verspätungsdurchsagen klingen, wenn man enen Personenschaden, ein Hochwasser, eine hochkant auf den Gleisen stehende Schneeflocke oder andere höhere Gewalten verantwortlich machen kann?

Ich bin unterwegs nach Bayreuth, ein Dreitagesabstecher. Heute Abend Bardienst im Forum Phoinix, morgen Generalprobengucken im Festspielhaus, übermorgen: Bayreuth im Festspieltaumel und ich mittendrin.
000DSC03361

 

(Richtung Bayreuth heißt auch immer: Raus aus der Sonne.)

Eine Frau mit Krücke setzt sich zu mir, sie hat mitbekommen, dass ich den Schaffner nach Anschlüssen Richtung Bayreuth gefragt habe. „Ich muss auch nach Bayreuth! Was halten Sie davon, dass wir uns ab Lichtenfels ein Taxi teilen?“ Nichts halte ich davon, da sie mit Taxi teilen vermutlich auch Taxirechnung teilen meint. Sie guckt verzweifelt, sie hat eine Karte für die Tannhäuser-Generalprobe heute Abend, die um fünf losgeht. Sie fürchtet, personenüberfahrungsbedingt nicht rechtzeitig anzukommen. Ich beruhige sie. 16.29 Uhr sollen wir ankommen, bis 16.50 Uhr ist Einlass, vom Bahnhof sinds 5 Minuten auf den Hügel, das ist auch mit Krücke zu schaffen. Vorrausgesetzt die vororausfahrenden Züge unterlassen diese unseligen Personenüberfahrungen.

Ich frage, warum sie eine Krücke hat, erkläre, dass ich vor gar nicht allzulanger Zeit selber eine gehabt hätte und mein Knie immer noch nicht in Ordnung sei und dass mich interessiere, wie sie die Stunden auf den Wagnerwürdigungsstühlen des Festspielhauses durchstehen bzw. -sitzen will. Sie zuckt mit den Schultern: „Schmerztabletten. Schon vorher.“ Ich nicke, das ist auch mein Plan, und er hat sich beim Geburtstagskonzert bereits bewährt (allerdings hatte ich da nur 2 Nettostunden durchzuhalten). Aspirin oder Acesal beugen zudem der berüchtigten Wagner-Thrombose vor …

Am Tisch auf der anderen Gangseite sitzt ein freundlicher Mann, Anfang, Mitte 60 wahrscheinlich, Maler und Musiker, DDR-Bürger und ehemaliger Dissident. Wir haben uns kennengelernt, als ich ihn bat, die Musik ein bisschen leiser zu machen. Was er auch tat, wenn auch verwundert, da er, als er die Kopfhörer absetzte, keine störenden Geräusche vernehmen konnte, was entweder daran lag, dass er Jazzgetrommel nicht als störendes Geräusch identifizieren kann, oder daran, dass er seit Jahrzehnten in Bands spielt (als Maler – lange Geschichte). Er kommt schließlich mit einer Frau an seinem Tisch ins Gespräch, ich kann gar nicht anders als zuzuhören, was soll ich denn machen?! Er erzählt von der Stasi, von FDJ-Sekretären an der Uni, die ihm das Leben schwer gemacht haben, von illegalen Kunstprojekten, Protestaufrufen, Freunden, die sich als Spitzel heraustellten, von Schikanen und der erdrückenden sozialistischen Spießbürgermentalität, der Hoffnung und dem darauffolgende Entsetzen angesichts der Prager Frühlings und seines Endes. Aber wie bei praktisch allen Dissidenten und Künstlern aus der DDR schwingt auch ein Haufen Nostalgie mit. Immerhin hatte Kunst damals noch eine Bedeutung, eine Meinung erforderte Mut, man träumte davon, andere Dinge zu verwirklichen, als einfach nur sich selbst. Und dann natürlich der Zusammenhalt! „Auch wenn wir wussten, da waren Spitzel bei!“ Und wie fast alle Dissidenten und Künstler aus der DDR ist er mit dem jetzigen System unzufrieden. „Wir wollten die DDR nicht einfach aufgeben, wir wollten etwas anderes probieren, einen dritten Weg. Ein demokratischer Sozialismus mit freier Marktwirtschaft, das war mein Traum.“

Seither denke ich darüber nach, wie das aussehen sollte. Meinte er wirklich „freie Marktwirtschaft“, den Kampfbegriff der Wirtschaftsliberalen? Sind Sozialismus und freie Marktwirtschaft vereinbar? Natürlich sind sie das, davon bin ich inzwischen überzeugt. Der demokratische Sozialismus mit freier Marktwirtschaft wird endlich das Paradies auf Erden bringen. Die Menschen werden vegane Gerichte mit Fleisch essen, keusche Sexorgien feiern und humane Kriege führen. Tolerante Nazis, gottesfürchtige Atheisten, bescheidene Investmentbanker und Supermodels mit Durchschnittsfigur werden sich an den Händen halten und gemeinsam die „Hymne des Demokratischen Sozialismus mit freier Marktwirtschaft“ singen:

Dunkel war’s, der Mond schien helle
als ein Auto blitzeschnelle
langsam um die Ecke fuhr
Drinnen saßen stehend Menschen
schweigend ins Gespräch vertieft
als ein totgeschossener Hase
auf der Sandbank Schlittschuh lief.

In der Zugkneipe ist die Klimaanlage ausgefallen. Gefühlte 40 Grad oder so. Das erklärt vielleicht einiges. Als ich den Menschen an der Bar bitte, mir einen Deckel zum Kaffeebecher zu geben, sagt er bedauernd, dass sie leider nur Deckel für die großen Kaffeebecher hätten. „Hm, na dannn gießen sie doch meinen Kaffee in einen großen Becher“, mache ich einen, wie ich finde, vernünftigen Vorschlag.

„Nein, tut mir leid, ich kann ihnen keinen kleinen Kaffee in einem großen Becher rausgeben.“

Ich schaue etwas verwundert drein. „Doch, das können Sie“, sage ich schließlich aufmunternd. „Umgedreht wäre es schwierig.“

Er lacht freudlos. „Nein, das geht nicht! Die großen und die kleinen Becher sind unterschiedliche Kostenstellen, das darf ich nicht machen.“ – „Und Bahnchef Grube zählt abends nach, wieviele Becher von jeder Sorte rausgegeben worden und vergleicht das mit der Kaffeekasse?“ – „Haha, Sie haben gut reden, aber für mich geht’s um meinen Job!“ – „Sie werden gefeuert, wenn Sie mir einen großen Kaffeebecher geben?“ – „Die wollen Personalkosten sparen, denen ist jeder Anlass recht!“

Nein, in der besten aller denkbaren Welten leben wir wohl nicht, wenn Leute unter Androhung des Jobverlustes dazu gezwungen werden, zu behaupten, man könne ein Getränk nicht in ein größeres Gefäß umfüllen.

Noch eine Stunde bis Bayreuth. Dann gibt’s endlich Kraftraumkaffee und Heimathafenbier, bevor ich auf die andere Seite des Barbetriebs wechsle und verwirrten Menschen erkläre, dass ich aufgrund der Personenüberforderung eines ungeübten Barmannes leider keine großen Biere in Sektgläsern ausschenken könne.

 

 

Ich bin ein Stadtschreiber, holt mich hier raus!

Zurück in Berlin. Nur fünf Monate war ich weg und trotzdem hat bloß eine der beiden Baustellen in meiner Straße überlebt. Dafür wurde aber auch eine neue eröffnet, an die ich mich aber erst einmal gewöhnen muss. Wie an die ganze Stadt.

DSC03211

(Pankow vor dem Regen.)

Hier draußen in Pankow geht es ja noch – die Häuser sind halt sehr groß und die Straßen so breit, das man zum Überqueren so lange braucht wie für einen Bummel über das Bayreuther Stadtparkett, aber alles in allem komme ich klar. Schlimmer war schon ein Bummel durch den Prenzlauer Berg nach Mitte. Diese vielen Menschen, die offenbar alle als Stadtsschreiber tätig sind, da sie entweder planlos durch die Gegend ziehen oder in Cafés rumsitzen. Die vielen Touristen. Die vielen Modepüppchen (die zum Teil der Fashion Week geschuldet sein mögen). Die vielen Spätverkäufe. Nach dem ich solange auf sie verzichten musste, fällt mir erst wirklich auf, wie viele es sind! Wenigstens ein Fünftel aller Geschäfte, wenn nicht sogar 20%, während es in Bayreuth nicht einen einzigen gibt. Vielleicht wäre das ein Geschäftsmodell? Der erste Bayreuther Späti, man würde sicher sehr schnell sehr reich werden (aber wer will das schon?).

Recht angenehm ist die Anonymität der Großstadt. Ich war ja doch so eine Art Bayreuther F-Prominenz. Wenn es ein Oberfränkisches Dschungelcamp gegeben hätte, wäre ich bestimmt eingeladen worden. Letzten Sonnabend gab es ein hübsches Erlebnis: Ich saß mit meinem ersten Kaffee und meiner Morgenzigarette vor dem Kraftraum, als eine Stadtführung vorbeispazierte und ich spontan in das Besichtigungsprogramm aufgenommen wurde (auch wenn ich wegen der etwas langen Nacht zuvor sicher keine Sehenswürdigkeit war). Zwanzig ältere Damen- und Herrschaften in beiger Funktionskleidung und mit bunten Regenschirmen lauschten den Ausführungen über den Stadtschreiber und ich grimassierte vor mich hin, probierte diverse Gesichtsausdrücke durch, weil ich mir noch keinen passenden für derartige Gelegenheiten zurechtgelegt hatte.

(Ich muss dazu erwähnen, dass die Stadtführererin mit mir bekannt ist und sie mich erst privat grüßte, eine gute Heimreise wünschte und bedauerte, dass sie nicht zu Lesung ins RW21 kommen könnte, bevor sie sich an die Touristen wandte: „Das muss ich Ihnen kurz erklären …“ ;)

Um so etwas muss ich mir erst einmal keine Gedanken mehr machen. Hier kennt mich ja nicht einmal der Oberbürgermeister!

Dies nur als erster kurzer Gruß aus der Ferne, ich mach mich dann mal wieder ans an-Berlin-Gewöhnen!

Der Stadtschreiber a.D.

DSC03236

Bye bye Bayreuth …

20130701_123946~01

Und ein kurzer Gruß von unterwegs. Ich meld mich! Es gibt mir übrigens sehr zu denken, dass es immer düsterer wird, je näher ich Berlin komme. Das gute Wetter scheint von meinen Umzugsplänen gehört zu haben und versucht mich zu meiden und verhöhnen. Das  heißt für Sie, liebe Leserinnen und Leser: In Bayreuth bleibt es schön, bis ich Ende Juli zurückkomme …

DSC03173

(Der Himmel über Sachsen …)

DSC03186

(Der Himmel über Brandenburg)

DSC03210

(Der Himmel über dem Berliner Hauptbahnhof (Tief))

 

Mit sonderbarer Hochachtung

IMG_2793

(Abschiedsbesuch in der Eremitage)

Einen herzlichen Dank, an alle, die am Donnerstag zur Lesung gekommen sind, eine Entschuldigung für die Unannehmlichkeiten und ganz besonders an alle, die nicht hereingekommen sind, ein Gruß an die, die gern gekommen wären, aber nicht konnten und ein fröhliches „Dann beschwert euch aber nicht, dass in Bayreuth angeblich nichts los ist“ an die, die einfach nicht gekommen sind ;) Vielen Dank an Micha Ebeling und Uli Hannemann, die statt einer Lesung zwei gemacht haben, und an das Literaturcafé Bayreuth, die seit Jahren immer mal wieder Berliner Lesebühnen oder Leute wie das Fuck Hornisschen Orchestra nach Bayreuth holen.

IMG_2781

Und eine ganz ganz große Entschuldigung an dieser Stelle auch noch einmal an die Band King Sorella. Das ist sehr doof gelaufen und tut mir und den Organisatoren wahnsinnig leid. Wir hätten euch so gerne gehört und haben uns sehr gefreut, dass ihr Lust hattet ein bisschen bei uns zu spielen. Dass es nicht geklappt hat, lag letztlich an einer Unbekümmertheit unsererseits, wir hätten gleich damals vor ein paar Wochen genau klären müssen ob und wie wir das genau machen und überhaupt machen können, damit es nicht in letzter Sekunde zu dieser doofen Situation führt. Tut uns leid! Ich hoffe sehr, dass wir das irgendwann einmal nachholen können.

IMG_2809

Heute lese ich also wirklich das letzte Mal in Bayreuth vor. Zumindest für die nächste Zeit. Allerallerspätestens im November beim Jean-Paul-Slam im KOMM habe ich wieder ein Bayreuther Mikro vor der Nase, das beruhigt mich sehr. Ich wies ja bereits auf die Jean-Paul-Literaturnacht heute im RW21 hin. Mehr als 20  Veranstaltungen finden zwischen 17.00 Uhr und 21.30 Uhr statt, ich bin gleich um 5 und dann noch einmal um 9 dran und werde dort vor allem von meinen Abenteuern in Bayreuth und mit Jean Paul erzählen (und um 5 auch Bilder dazu zeigen). Bayreuther Tagebuch live sozusagen.

Strübing liest Paul

Flegeljahre – Fortsetzung

Da es eine Weile her ist, seit ich über die Flegeljahre schrieb hier nochmal ein Link zum letzten „Strübing liest Paul“-Kapitel. (Man muss ein bisschen nach unten scrollen.)

Wie schon berichtet wird sich der Roman nach einem laut knallenden Startschuss wie so oft bei Jean Paul in alle möglichen Richtungen entwickeln, der Fluss der Handlung sich zu einem Delta auswachsen. Jean Paul bereitet den Leser gleich nach der Testamentseröffnung darauf vor. Ein Punkt des Van Kabelschen Testaments bestand nämlich darin, dass ein „habiler, dazu gesattelter Schriftsteller von Gaben […], der in Bibliotheken wohl gelitten wäre“ aufgetrieben und mit der Aufgabe betraut werden solle, die Erfüllung der anderen Testamentsklauseln zu begleiten und ein Buch darüber zu verfassen, ob und wie der Bauernsohn, Hobbypoet und Universalerbe Walt die Aufgaben erfüllen würde, die der Verstorbene ihm als Bedingung für den Antritt des Erbes stellt.

IMG_2837

(Der Megavollmond vom letzten Sonnabend)

Ein solcher Schriftsteller wird denn auch gefunden: Ein Herr namen Johann Paul Friedrich Richter – besser bekannt als Jean Paul. Einer von mehreren  selbstbezüglichen Scherzen, die Jean Paul so liebte. (Später wird zum Beispiel ein Zwillingsbruder Walts auftauchen, Vult genannt, der sich als Verfasser der „Grönländischen Prozesse“ zu erkennen gibt – des ersten verlegten Buches Jean Pauls, das er damals anonym veröffentlichen ließ.)

Gleich das zweite Kapitel des Buches ist denn ein Brief Jean Pauls an den Stadtrat, in dem er diese Aufgabe annimmt und von dem Buch schwärmt, dass er zu schreiben gedenke. Zum einen kündigt er kurze, dafür zahlreiche Kapitel an – denn er soll für jedes Kapitel ein Stück aus dem Nachlass Kabels erhalten („In der gelehrten Welt sind ja alle Kapitel erlaubt, Kapitel von einem Alphabet bis zu Kapiteln von einer Zeile“). Dann berichtet er, was er alles in das Buch hineinpacken wolle:

Das Werk – um nur einiges vorauszusagen – soll alles befassen, was man in Bibliotheken viel zu zerstreut antrifft; denn es soll ein kleiner Supplementband zum Buche der Natur werden und ein Vorbericht und Bogen A zum Buche der Seligen […]

Für den Geschmack der fernsten, selber der geschmacklosesten Völker wird darin gesorgt; die Nachwelt soll darin ihre Rechnung nicht mehr finden als Mit- und Vorwelt –
Ich berühre darin die Vaccine – den Buch- und Wollenhandel – die Monatsschriftsteller – Schellings magnetische Metapher oder Doppelsystem – – die neuen Territorialpfähle – die Schwänzelpfennige – die Feldmäuse samt den Fichtenraupen – und Bonaparten, das

berühr‘ ich, freilich flüchtig als Poet –
Über das weimarsche Theater äußer‘ ich meine Gedanken, auch über das nicht kleinere der Welt und des Lebens –
Wahrer Scherz und wahre Religion kommen hinein, obwohl diese jetzt so selten ist als ein Fluch in Herrnhut oder ein Bart am Hof –
Böse Charaktere […] werden tapfer gehandhabt, doch ohne Persönlichkeiten und Anzüglichkeiten […]
Trockne Rezensenten werden ergriffen und (unter Einschränkung) durch Erinnerungen an ihre goldne Jugend und an so manchen Verlust bis zu Tränen gerührt, wie man mürbe Reliquien ausstellt, damit es regne –
Über das siebzehnte Jahrhundert wird frei gesprochen, und über das achtzehnte human, über das neueste wird gedacht, aber sehr frei –

Gleich dem Not- und Hülfs-Büchlein muß das Buch Arzneimittel, Ratschläge, Charaktere, Dialogen und Historien liefern […]

In jeden Druckfehler soll sich Verstand verstecken und in die errata Wahrheiten –

Täglich wird das Werkchen höher klettern, aus Lesebibliotheken in Leihbibliotheken, aus diesen in Ratbibliotheken, die schönsten Ehren- und Parade-Betten und Witwensitze der Musen – –
Aber ich kann leichter halten als versprechen. Denn ein Opus wirds…

IMG_2868

(Herummäandernd wie die Handlung vieler Jean-Paul-Romane: Licht- und Schattenspiele in einem der Bogengänge der Eremitage.)

Über seine eigentliche Aufgabe, die Geschichte Walts und seiner Versuche, sich das Erbe zu verdienen zu berichten, verlerit dieser seltsame Herr Richter kein Wort. Der Leser ist also gewarnt. Man kann Jean Paul gewiss kein falsches Spiel vorwerfen.

Und dem Dichter selbst wird ein wenig blümerant, als er an die Mammutaufgabe denkt, die er sich selbst gestellt hat:

O hochedler Stadtrat! Exekutoren des Testaments! sollt‘ es mir einst vergönnet werden, in meinem Alter alle Bände der Flegeljahre ganz fertig abgedruckt in hohen, aus Tübingen abgeschickten Ballen um mich stehen zu sehen – –

Bis dahin aber erharr‘ ich mit sonderbarer Hochachtung
Koburg, den 6. Juni
1803
Ew. Wohlgeb.
etc. etc. etc.
J. P. F. Richter

Mit „sonderbarer Hochachtung“ erharr‘ auch ich für den Moment

Bayreuth, den 29. Juni
2013
Volker Strübing

Sonnenuntergang mit Jean Paul

Das Wort „Sonnenuntergang“ gehört zu den wichtigsten in Jean Pauls Arsenal (und wahrscheinlich dem der meisten Autoren seiner Zeit). Dauernd wurde über Sonnenuntergänge geschrieben. Ungefähr genauso häufig wie heutzutage über grausame Serienmörder. Sonnenuntergänge sind also literarisch betrachtet die Psychopathen des 18. und 19. Jahrhunderts. Ich mag sie trotzdem.

An einem schönen Tag ist nichts so schön als sein Sonnenuntergang

IMG_3001

»Hieher wollt‘ ich Sie nur haben« (sagte Viktor) – »jetzt müssen Sie mit mir weitergehen und heute beim Apotheker übernachten.« – »In der Tat,« sagte die Kaplänin kalt, »bis zu Sonnenuntergang wird mitgegangen: wir sollen doch nicht dieser schönen Sonne den Rücken wenden?« Allerdings hatte der Abend lauter Freudenfeuer angezündet auf der Sonne – auf den Wolken – auf der Erde – auf dem Wasser.

IMG_2984

Firmian bejammerte die dumpfen im dicken Erdenblute schwimmenden Menschenherzen, für die jetzo die untergehende Sonne und der gefärbte Himmel und die weite Erde unsichtbar waren oder vielmehr eingekrochen zu einem zerhackten Holzstrunk; das gewisseste Zeichen, daß ihre Herzen im ewigen Gefängnis des Bedürfnisses lagen, war, daß niemand eine witzige Anspielung auf den Vogel oder auf das Königwerden machen konnte.

Auch mir fällt – zugegeben – keine witzige Anspielung auf Vögel oder das Königwerden ein. Liegen nicht unser aller Herzen im ewigen Gefängnis des Bedürfnisses? Übt Jean Paul hier im Siebenkäs frühe Kritik an der Konsumgesellschaft?

IMG_3007

IMG_2961 Das müssen Zeiten gewesen sein, als die Menschen noch mit dem Sonnenuntergang schlafen gingen:

Man kann, da im ganzen alles nach Sonnenuntergange von einem Weltteil und Weltgürtel zum andern schläft, immer der untergehenden Sonne nachziehend die Kugel mit lauter hingestreckter, wie von Saturns Sense umgelegter und geernteter Menschen-Welt erblicken – einen der längsten Kirchhöfe – das wahre Totliegende der Menschheit – alle kraftlos, sinnlos, bewußtlos – der Geistreichste dem Einfältigsten gleich, der Kraftvollste dem Schwächsten

IMG_2940 Abenddämmerung und Gehirnumleuchtung:

… in der Geschichte des Kopfs gibt es keineAbenddämmerung, welche einer Nacht, sondern nur eineMorgendämmerung, die dem Tage vorzieht; nur fodert jeder gern die optische Unmöglichkeit, daß eine Kugel auf einmal (sie sei aus Erde oder Gehirn) ganz umleuchtet werde.

IMG_2981

IMG_2996

Ein Bayreuther Mysterium

DSC08394

Am Montag geht es zurück nach Berlin. Die Vorstellung, abschließende Worte für mein Bayreuther Tagebuch finden zu sollen, ein Fazit zu ziehen, in einem letzten Kapitel eine befriedigende Auflösung liefern und sozusagen den Mörder präsentieren zu müssen, behagt mir gar nicht. Zumal ich eine ganze Reihe ungelöster Rätsel hier zurücklasse. Zum Beispiel, wo all die geheimnisvollen Türen Bayreuths hinführen, von denen einige den heutigen Eintrag illustrieren. Ins Reich der Bayreuther Zwerge und Trolle? Sind es gar die Türen zu den Kellern, in die der Franke nach eigener Auskunft zum Lachen geht? Hat er sie extra so klein gebaut, dass er nicht durchpasst und sich achselzuckend sagen kann: „Dann lach i äbän ned“?

DSC03166

(Ich habe das Fragezeichen nicht dorthin gemalt. Aber ich kann den Menschen gut verstehen, der es tat.)

Welch ein Glück, dass ich hier auch in Sachen Jean Paul unterwegs war; ich kann mich jederzeit auf den Meister berufen, der ja auch ein Meister des Fragments und der herumtüddelnden losen Fäden war.

Außerdem komme ich Ende Juli schon das erste Mal für ein Tage nach Bayreuth zurück. Ich werde mir eine Generalprobe im Festspielhaus und den beginnenden Festspielrummel anschauen und diesem Weblog den einen oder anderen Artikel hinzufügen. „Ich habe noch ein Weblog in Bayreuth“ statt „Ich hab noch einen Koffer in Berlin“.

DSC08357

Ganz ohne ein paar Schlussworte will ich natürlich nicht gehen und Jean Paul hat sich auch eine gehörige Würdigung verdient, aber ein paar Tage sind es ja noch, ich kann hier also noch ein wenig Abschiedsprokrastination betreiben.

IMG_2265

Oh, gerade bricht die Wolkendecke auf! Abendsonne! Ich hoffe, dass klappt morgen auch, damit wir wirklich im Vogelsgarten lesen kö… verdammt, ich hab es nicht mal geschafft, diesen Satz zu Ende zu schreiben, da ist sie auch schon wieder weg. Soviel kann ich als erstes Fazit schon mal verraten: Die fünf Monate in Bayreuth waren die längste Schlechtwetterphase meines Lebens. Mag sein, dass der Frühling überall ein Grauling war, aber ich werde die Assoziation Bayreuth/Schlechtes Wetter nicht so leicht überwinden können. Bayrisch Sibirien, jaja.

DSC03171

IMG_1791

Abschiedslesungen

Heute leider nur Werbung. Und zwar für meine letzten Lesungen hier in Bayreuth (meine letzten fürs Erste, hoffe ich). Zweimal, eigentlich dreimal lese ich noch vor und freue mich über jede und jeden, die vorbeikommen – am besten zu allen drei Lesungen, es gibt auch jedesmal ein anderes Progamm!IMG_2489

Da ist zum einen die Abschiedslesung im Vogelsgarten an der (oder in der oder hinter der) Lamperie am Donnerstag, dem 27.Juni. Los geht es bereits um 19.00 Uhr! Zum Glück wird ja am Donnerstag wieder schönstes Wetter sein  – ein entsprechender Antrag liegt zumindest beim Bayreuther Wetteramt und wir hoffen auf zügige Bearbeitung. Sollte es aus irgendeinem ominösen Grund (Illuminatenverschwörung, Schmetterling in Brasilien oder Teller nicht aufgegessen) doch regnen, verlegen wir das Ganze in die Lamperie. Dann sollte man dann wirklich früh kommen, da es sicher sehr kuschelig wird … Zwei Freunde und Kollegen aus Berlin besuchen mich aus diesem Anlass hier in Bayreuth:  Micha Ebeling und Uli Hannemann, von der Berliner Lesebühne LSD – Liebe Statt Drogen, die bereits zwei oder drei Mal auf Einladung des Literaturcafés in Bayreuth waren.

IMG_2552

Außerdem soll es eigentlich auch Musik von King Sorella geben, aber da gibt es leider gerade einige Unklarheiten wegen ordnungsmat und Genehmigung und Trallala, so dass ich nichts versprechen kann.

Der Eintritt ist frei, aber Spenden werden dringend erbeten …

IMG_2681

Am 29.Juni lese ich dann noch zweimal während der Jean-Paul-Literaturnacht im RW 21. Ab 17.00 Uhr finden dort jede Menge Veranstaltungen für jeden Geschmack statt: „Ausstellungen, Lesungen, Vorträge mit und ohne Musik, Filmpräsentationen und Theaterszenen rund um Jean Paul und sein Werk. Jede der 20 verschiedenen Programmpunkte dauert nur ca 30 Minuten. Es gibt also keine Chance auf Langeweile.“ Das ganze Programm kann man sich hier als PDF anschauen.

IMG_2518

Ich bin einmal um 5 dran, mit Lesung un Bildern unter dem Motto: „Bayreuther Bilderbuch – Ein Dia-Abend ganz ohne ‚Tante Gisela vor der Eremitage‘ und ‚Onkel Achim in der Todesrinne'“- Es gibt also viele Fotos, die ich hier gemacht habe samt den dazugehörigen Geschichten. Um 9 ist dann meine wirklich letzte Lesung („Hoffentlich bayreuth er das nicht – Von einem der auszog  Bayreuth und Jean Paul kennenzulernen“) und danach wird noch ein bisschen getrunken und gefeiert, wobei auch während der Veranstaltung für Getränke etc. gesorgt ist durch das Team des Samocca.

IMG_2686

Der Eintritt kostet im Vorverkauf 5, an der Abendkasse 7 Euro.

Die Bilder für den heutigen Eintrag hab ich noch von einem neuerlichen Besuch im ÖkoBot übrig, man merkt schon, ich bin Fan. Seit dem letzten Mal hat sich einiges geändert:

IMG_9422

(19.April)

IMG_2472

(21.Juni)

IMG_2658

(Familienausflug)

(Apropos Familienausflug: Als Spaß für die ganze Familie bietet sich das Spiel „Wer findet die Pflanze mit dem lustigsten Namen“ an. Ich leg mal tüchtig vor:)

IMG_2493

IMG_2502

(„Milchlattich“ klingt irgendwie doppelt gemoppelt. Übersetzt hieße das ja dann wohl „Milchmilchich“)

IMG_2504

(Wer sich ganz leise anschleicht, kann mit etwas Glück eine seltene Gelbschwarze Wellennatter beim Mittagsschlaf beobachten)

IMG_2595Also, seid keine Frösche, sondern kommt am Donnerstag und Sonnabend! Und  Du, Frosch, halt die Backen!