Perlen und Säue

Dr. Katzenbergers Badereise

Verlorene Praxis

– als junge Dame die alte nur zur Brandmauer der Gefühle und als Meßgeleite des Anstands verbrauchen

– sich nur mit Anstrengung in das gewöhnliche krause Höflichkeitsgefecht zwischen kühlen Schwiegervätern und heißen Schwiegersöhnen begeben

– durch die plötzliche unberechnete Lohe der Liebe nur noch ernsthafter werden

– einem zu wenig offenen Kopf die sieben Sinnenlöcher, die die Vorderseite hat mit einem Stock auch dem Hinterkopf einoperieren

–  schon bei der Krebssuppe Werthers Leiden leiden

– starr in die kleine Morgenröte des aufziehenden Mondes blicken, um durch starkes Aufmerken und Offenhalten das Zusammenrinnen einer Träne zu verhindern

– als Mädchen gegen seine Schreibgötter auch aus einer mit Seufzern und Wonnen überhäuften Brust einen scherzenden Ton anzustimmen wissen

– vor Frauen, die den Busen mit nichts als mit ein paar Locken und Blumen bedecken, das Hasenpanier ergreifen wollen

– Männliche Bewunderungstränen

– Mit dem Federbuschhut in der Hand den ganzen weiblichen Hör- und Sitzkreis wie in einem Fischnetz fangen und schnalzend aus dem Wasser heben

– das Band der Feundschaft immer enger zusammenziehen bis zum Ersticken

– die wallende Menge mit dem scheuen Auge überfliegen in der weiblichen Hoffnung, dass der Gehoffte doch noch aus ihr auffliege

– sich scharf nach seiner Ziel-Palme umsehen

– einem Hering den Kopf abbeißen, um den Rumpf aufzuspeisen, aber im Vergreifen den köstlichen Hering selber am Schwanze ins Wasser schleudern und nichts behalten als den Kopf

– einen Gehenkten als Vorsteckrose am Busen tragen

– der Geliebten nachts auf einem Friedhof seine Liebe gestehen wollen (wobei das in machen Kreisen bestimmt noch immer praktiziert wird)

– sich ein wohlerhaltenes Kindergerippe wie eine Bienenkappe auf den Kopf stülpen

– die Einsamkeit der abwaschenden Wiedergeburt zum Nachschüren von neuem Brennstoff verwenden

– einem zu leichten Goldstück nicht jüdisch durch Beschneidung, sonder vielmehr christlich mit Ohrenschmalz, als Taufe und Ölung, das alte Gewicht zurückgeben

– die Mundwinkel mit beiden Zeigefingern bis an den Backenbart auseinanderzerren, um allgemeines Grausen zu verbreiten

– nach Art der Chinesen einen Iltispinsel in den Gehörgang bis nahe ans Paukenfell stecken und darin herumwirbeln

– bei Regen den Diener in der Kutsche mitfahren lassen, um seinen langen Rock zu schonen

– um den Vater zu überreden, einen Edelmann zu Hülfe rufen

– darauf warten, von einem Hüften-Partner fester gepackt zu werden

– für die Reise ein Kästchen mit Pockengift, Fleischbrühtafeln und Zergliederungswerkzeugen packen

– vor dem teuern Dichter mit dem ganzen Herzen herausbrausen und -platzen und hundert ungestüme Dinge tun

– die wehmütigen Empfindungen einer Schwangeren, die vielleicht zwei Todesarten entgegengeht zurückstecken, um der Freundin das schöne Abendrot ihrer Freude nicht zu verfinstern

– das eigene Mißgeburten-Kabinette abstäuben und den Embryonen in ihren Gläschen Spiritus zu trinken geben

– einem Dichter in der Kühnheit des langen geistigen Liebestrankes der Jugendzeit schreiben und ihm gleichsam in einem warmen Gewitterregen des Herzens alle Tränen und Blitze zeigen, die er wie ein Sonnengott in einem geschaffen hat

– Nicht gern mit jemandem ein paar Tage “unter Einem Kutschenhimmel leben” wollen

– Sich durch Wetterglas, Wetterfisch und Fußreisen völlig gewiss machen, dass es gegen Abend stürme und gieße

Gültige Praxis:

– die entkräftende Empfindsamkeit, die uns auf den Tränenwegen der Meibomischen Drüsen, der Tränenkarunkel usw. hereinschießen, durch Possen vertreiben

Zeitlose Wahrheiten

Unter die Saugtiere gehören wir doch alle, wenn sich auch gleich nur die schönere Hälfte unter dieSäugtiere zählen darf.

Was sind denn Berge und Lichter und Fluren ohne ein liebendes Herz und ein geliebtes? Nur wir beseelen und entseelen den Leib der Welt. Ist ein Garten eine engere Landschaft, so ist die Liebe nur ein verkleinertes All; in jeder Freudenträne wohnt die große Sonne rund und licht und in Farben eingefaßt.

Nichts erbittert mehr als anonyme Grobheit eines abgesüßten Schwächlings!

Eine Mädchenseele [kann] dem Männer-Poltergeist auch nicht unter einem Kutschenhimmel nahe kommen, ohne wund gezwickt zu werden.

Männer sollten niemals kokettieren, da unter 99 Weibern immer 100 Gänse sind, die ihnen zuflattern

Ein Mädchen, das ein Herz hat, ist schon halb dumm und wie geköpft.

In der Fremde ist man gegen Fremde weniger fremd als zu Hause

Die Leserinnen eines Dichters sind alle seine heimlichen Liebhaberinnen

Man ist ohnehin die alltäglichen Liebesfloskeln der Bücher so satt

Übrigens lässet gerade diese Verwandtschaft von Jahr zu Jahr mehr ruhige kalte Behandlung der Menschen hoffen; denn mit jedem Jahrhundert, das uns weiter von Adam entfernt, werden die Menschen weitläuftigere Anverwandte voneinander und am Ende nur kahle Namenvettern, so daß man zuletzt nichts mehr zu lieben und zu versorgen braucht als nur sich.

Allerlei Fundstücke, Lieblingssätze und Diskussionsanreize

Sie blieb unter der schweren Freude kaum aufrecht; den zarten, nur an leichte Blüten gewohnten Zweig wollte fast das Fruchtgehänge niederbrechen.

“Ich wollt’, ich wär ein Mann, so duellierte ich mich so lange, bis keiner mehr übrig wäre, und legte einer Frau den Degen mit der Bitte zu Füßen, mich zu erstechen.”

Denn jetzt bin ich der blühende schwärmerische Jüngling nicht mehr, der sonst vor jeder schönen Gestalt oder Brust außer sich ausrief: Rumpf einer Göttin! Brustkasten für einen Gott! Und das feine Hautwarzensystem und das Malpighische Schleimnetz und die empfindsamen Nervenstränge darunter! O ihr Götter!

Über die Tafel wölbten sich Kastanienbäume – in die Zweige hing sich goldner Glanz, und die Lichter schlüpften bis an den Gipfel hinauf, über welchen die festen Sterne glänzten – unten im Tale ging ein großer Strom, den die Nacht noch breiter machte, und redete ernst herauf ins lustige Fest – in Morgen standen helle Gebirge, auf denen Sternbilder wie Götter ruhten – und die Ton-Feen der Musik flogen spielend um das Ganze hinunter, hinauf und ins Herz.

O Schicksal, warum lässest du so wenige deiner Menschen eine solche Nacht, ach nur eine Stunde daraus erleben? Sie würden sie nie vergessen, sie würden mit ihr als mit dem Frühlings-Weiß und Rot die Wüsten des Lebens färben – sie würden zwar weinen und schmachten, aber nicht nach Zukunft, sondern nach Vergangenheit – und sie würden, wenn sie stürben, auch sagen: auch ich war in Arkadien! –
Warum muß bloß die Dichtkunst das zeigen, was du versagst, und die armen blütenlosen Menschen erinnern sich nur seliger Träume, nicht seliger Vergangenheiten? Ach Schicksal, dichte doch selber öfter!

Es war für jeden angenehm zu sehen, was er bei einem Fremden, der […] gar nicht abgehen wollte, für Seitensprünge machte, um ihn zum Lebewohl und Abscheiden zu bringen; wie er die Uhr aufzog, in Schweigen einsank oder in ein Horchen nach einem nahen lautlosen Zimmer, oder wie er die unschuldigste Bewegung des Fremden auf dem Kanapee sogleich zu einem Vorläufer des Aufbruchs verdrehte und scheidend selber in die Höhe sprang, mit der Frage, warum er denn so eile.

Ich wollt’, es gäbe gar keine Männer, sondern die göttlichsten Sachen würden bloß von Weibern geschrieben; warum müssen gerade jene einfältigen Geschöpfe so viel Genie haben, und wir nichts? – Ach, wie könnte man einen Rousseau liebhaben, wenn er eine Frau wäre!

Und hier erzählt’ er weitläuftig mit Berufen auf Theoda, daß er selber mehre Katzenmütter halte und solche, anstatt sie zu zerschneiden, väterlich pflege, damit er zur Ranzzeit gute starke Kater durch die in einer geräumigen Hühnersteige seufzenden Kätzinnen auf seinen Boden verlocke und diese Siegwarte neben den Klostergittern ihrer Nonnen in Telleroder Fuchseisen zu fangen bekomme; denn er müsse als Professor durchaus solche Siegwarte, teils lebendig, teils abgewürgt, für sein Messer suchen, da er ein für seine Wissenschaft vielleicht zu weiches Herz besitze, das keinen Hund totmachen könne, geschweige lebendig aufschneiden wie Katzen.

Trost in einsamen Stunden:

Irgend einmal findet auch der geringste Mensch seinen Gottmensch, und in irgend einer Zeit findet er ein wenig Ewigkeit

SMS-Vorlagen für Verliebte:

Wär’ ich nur bald mit meinem [Herzen] an deinem schneeweißen Halse: es sollte bald heil sein.

Du teures Herz, wie lange bin ich schon von dir weg gewesen, wenn ich Zeit und Weg in Seufzern messe?

Gute Nacht, meine Seele! So viel Himmel, als nur hineingeht, komme in dein Herzchen!

Die weibliche Seele:

– vergibt leichter, wenn sie Unrecht gelitten, als wenn sie es getan

– verdoppelt Irrtümer lieber, als sie zurückzunehmen

– rächt sich lieber am Gegenstand der Irrtümer, als sich selbst zu bestrafen

– gleicht dem milden Öle, welches, entbrannt, gar nicht zu löschen ist außer durch die kühle Erde

– erhebt sich wie der Vesuv durch Auswürfe nur desto mehr (was immer das bedeuten mag)

– gleicht in ihren Fehlern den Menschen, welche nach Young durch den Krieg (d. h. durch das Erlegen) sich erst recht bevölkern

Kommunikative Knackpunkte

»O laßt mich weinen, es fehlt mir nichts, es ist nur die dumme Musik.« – »Ich höre keine (sagte der Krieger außer sich und riß sie vom Felsen an sein Herz) […].«

»[…] Nun so stimme doch mit über das Glied, sage, welches [ich dir verwunden soll]!« –
– »Mein Herz«, versetzte er. – »So vertraut spricht man nicht mit mir«, sagte Katzenberger. – »Meines mein’ ich ja«, sagte Stryk.
»In dies Glied mögen die Weiber ihre dummen Wunden machen! […]«

»Bei der Trennung von Ihrer Geliebten mag Ihnen doch im Mondscheine das Herz schwer geworden sein?« sagte der Edelmann. »Zwei Pfund – also halb so schwer als meine Haut – ist meines wie Ihres bei Mond- und bei Sonnenlicht schwer«, versetzte der Doktor.

„Ich bin ein Dichter, und Sie ein Wissenschaft-Weiser; dies erklärt unsern Unterschied“

Sätze des Schreckens (eine Auswahl)

Allerdings gibt es ein oder das andere Wesen in der Welt, das Gott selber kaum stärken kann ohne den Tod – das sich als ewiger Bettelbrief gern auf- und zubrechen, als ewiges Friedeninstrument gern brechen läßt – das eine Ohrfeige empfängt und zornig herausfährt, es erwarte nun, daß man sich bestimmter ausdrücke – das nicht sowohl zu einem armen Hunde und Teufel als zu einem niesenden fürstlichen mit Silberhalsband sagt: Gott helf, oder contentement – dessen Zunge der ewig geläutete Klöppel in einer Leichenglocke ist, welche ansagt: ein Mann ist gestorben, aber schon ungeboren – das erst halb, ja dreiviertels erschlagen sein will, bevor es dem Täter geradezu heraussagt auf dem Totenbette im Kodizill, es sei dessen erklärter Todfeind – das jeder so oft zu lügen zwingen kann, als er eben will, weil es sich gern widerspricht, sobald man ihm widerspricht – und dem nur der Feind gern begegnet und nur der Freund ungern. –

So weiß ich aus demselben Quistorp die andere Einschränkung, daß man nie beschimpfe, wenn man bloß die Sachen seines Neben- und Mit-Menschen (nicht ihn) verächtlich heruntersetzt, als etwan seinen Anzug, seine Gastmähler u.s.w. Ich würde also mit Vorbedacht, da doch am Menschen alles nur fremde Sache ist, außer seiner Moralität, die er sich, wie der preußische Soldat die Knöpfe, auf eigne Kosten anschaffen muß, ohne Ehrenklage im höchsten Grade anzüglich und geringschätzig z. B. von den schwachen Talenten oder Gesichtzügen eines Rezensenten sprechen, beides Sachen, die der Tropf sich nicht geben kann; ebenso wollt’ ich auf viele deutsche Kronen und Thronen (ein schöner weiblicher Reim) losziehen, ohne die Besitzer, die ja beides teils halb auf, teils unter sich haben, im geringsten zu meinen.

Wenn er vollends in schönen Phantasien sich des Pastors Göze Eingeweidewürmerkabinett ausmalte – und den himmlischen Abrahams-Schoß, auf dem er darin sitzen würde, wenn er ihn bezahlen könnte – und das ganze wissenschaftliche Arkadien in solchem Wurmkollegium, wovon er der Präsident wäre –, so kannte er, nach dem Verzichtleisten auf eine solche zu teuere Brautkammer physio- und pathologischer Schlüsse, nur ein noch schmerzlicheres und entschiedeneres, nämlich das Verzichtleisten auf des Berliner Walters Präparaten-Kabinett, für ihn ein kostbarer himmlischer Abrahams-Tisch, worauf Seife, Pech, Quecksilber, Öl und Terpentin und Weingeist in den feinsten Gefäßen von Gliedern aufgetragen wurden samt den besten trockensten Knochen dazu; was aber half dem anatomischen Manne alles träumerische Denken an ein solches Feld der Auferstehung (Klopstockisch zu singen), das doch nur ein König kaufen konnte?

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s